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Märchenstunde

Na lieber Leser, sicherlich kennst du alle die Märchen der Gebrüder Grimm (1785 - 1859). Vor vielen Jahren haben die beiden in ganz Deutschland Geschichten und Märchen gesammelt und aufgeschrieben. Einige davon sind sehr bekannt wie „Hänsel und Gretel“, „Dornröschen“ oder „der Wolf und die sieben Geisslein.“ Es gibt aber auch viele Märchen die mittlerweile fast vergessen sind. Mir fällt da so eine Geschichte ein die vor langer langer Zeit passiert ist. Es dreht sich alles um einen Zauberfaden, den ungeduldigen Hans und das hübsche Mariechen ...

Hans und der Zauberfaden

Es war einmal eine Witwe, die hatte einen Sohn Namens Hans. Sie wohnten in einem hübschen kleinen Dorf im Tal der Loire in einem putzigen Häuschen. Hans war ein schlauer kräftiger Junge; nur in die Schule ging er nicht so gerne, auch wenn ihm das Lernen leicht von der Hand ging. Aber er fand das Sitzen in der Schulbank halt immer so langweilig. Oft sass er einfach da und träumte vor sich hin. Eines Tages, als er wieder zum Fenster hinaus schaute, fragte ihn der Lehrer: „Sag mal, Hans, an was hast du eben wieder gedacht?“ Hans blickte seinen Lehrer an und da er ein freundlich lächelte sprach Hans: „Ich habe gedacht was ich tue wenn ich endlich einmal gross bin.“ „Aber Hans“, sagte der Lehrer „du hast es doch so schön. Weisst du, wenn du gross bist, dann kannst du auch nicht alles machen was dir gerade einfällt, glaub mir“.

Tja, Hans war halt immer ein wenig ungeduldig. Wenn es Winter war und er über den zugefrorenen See schlitterte dachte er „Wenn es doch nur erst Sommer wäre, und ich endlich wieder baden könnte“. Und wenn der Sommer dann da war, dachte er an den Herbst und daran, das er gerne auf der Dorfwiese seinen Drachen steigen lassen würde.

Am liebsten spielte Hans mit der Marie. Sie war ein Jahr jünger als Hans und wohnte mit ihren Eltern ein paar Häuser die Strasse hinauf. Sie konnte rennen wie ein Junge, und nahm so schnell nichts übel auch wenn Hans manchmal recht ungeduldig mit ihr war. Wenn sie ihn dann vergnügt zum spielen abholte, dachte er sehr oft: „Ach, wenn ich doch schon gross wäre, dann würde ich die Marie nehmen und vom Fleck weg heiraten!“

Eines Tages, es war ein warmer Sommernachmittag, war er wieder lange umhergerannt und lag schliesslich träumend in der Sonne auf einer wunderschönen Lichtung im nahen Wald. Das Gras duftete, die Vögel zwitscherten und die Sonne kitzelte ihn an der Nase - bis er die Augen schloss und sanft einschlummerte. Da war ihm als rufe jemand seinen Namen, und als er die Augen öffnete und nach oben blickte, sah er in das freundliche Gesicht eines alten Mannes. Er lächelte sanft und sprach zu ihm: „Hallo Hans, schau was ich hier habe“, in seiner Hand hielt er ein silbernes Bällchen. Aus einem kleinen Loch hing ein goldenes Fädchen heraus. „Siehst du diesen Faden? Das ist der Faden deines Lebens. Wenn du willst, dass dir die Zeit schneller herumgeht, so kannst du einfach an dem Fädchen ziehen; und wenn du willst das sie so langsam vergeht wie bei den anderen Menschen, so lass ihn wie er ist. Lass dir aber raten: ziehe nicht zu oft und zu schnell; schon mit einem winzigen Stückchen ist eine Stunde herum. Hineinschieben kannst du den Faden auch nicht mehr, was du herausgezogen hast fällt ab und vergeht. Nun Hans sag, willst du ihn?“

Für den Hans war das gar keine Frage. Er griff begierig nach dem silbernen Ball: er war ja auch ganz leicht und klein, aber dennoch fest und ohne Ritzen, wie aus einem Stück. Nur der goldene Faden hing aus einem kleinen Loch heraus. Als Hans wieder aufsah war der freundliche alte Mann verschwunden. Er steckte das Bällchen in seine Tasche und machte sich auf den Heimweg. Bald zog er das Bällchen wieder heraus und betrachtete den Faden. Es schien ihm, als krieche er ganz, ganz langsam heraus, aber länger wurde er dadurch nicht. Er dachte: „Ach wie gerne würde ich daran ziehen, dann wäre es bestimmt gleich morgen, oder vielleicht könnte ich ja auch ganz feste ziehen, dann würden Marie und ich heiraten.“ Aber dann fiel ihm ein was der freundliche alte Mann gesagt hatte, und liess es lieber bleiben.

Am anderen Tag in der Schule gab er überhaupt nicht acht. Das ärgerte den Lehrer und er schimpfte mit ihm. Da konnte es der Hans nicht mehr lassen: er kramte das Bällchen hervor und zog ein winziges Stück am Faden - und schon sagte der Lehrer: „ So, Kinder nun könnt ihr alle nach Hause gehen, und Hans bitte pass doch morgen wieder etwas besser auf.“ da lachte Hans: „Natürlich, versprochen“, und sprang fröhlich in den kleinen Hof vor der Schule.

Nun begann für Hans eine herrliche Zeit, nie mehr langweilte er sich in der Schule, denn er hatte nun lauter freie Tage. Kaum, dass die Schule morgens in Sicht kam, zog er ein wenig an seinem Faden und schon war die Schule wieder aus. In den Ferien tat er das nicht, sondern streifte durch den Wald und überlegte sich wann er wohl wieder an seinem Fädchen ziehen könnte; oder er spielte mit Marie.

Eines Tages jedoch dachte er: „Ach wie ist das doch dumm. Das ewige Ferienleben ist langweilig. Wenn ich schon gross wäre, oder wenigstens aus der Schule, dann könnte ich ein Handwerk lernen und auch bald Mariechen heiraten und bräuchte nicht mehr an meinem Fädchen ziehen.“ In der Nacht noch zog er recht tüchtig, und als er am nächsten Morgen aufwachte ging er bereits in die Lehre bei einem Zimmermann, denn Zimmermann wollte er schon immer werden, ganz wie sein Vater.

Als er dann als Zimmermann alles gelernt hatte wurde Hans wieder ungeduldig. Mariechen war für einige Zeit in die Stadt gezogen, zu ihrer Tante, um dort das Nötige für den Haushalt zu erlernen. Da war es gut das Hans auch in der Stadt zu arbeiten hatte und als er mit der wunderschönen Marie eines Mittags spazierenging fragte er sie: „Marie, liebste Marie, willst du meine Frau werden, auf dass wir für immer zusammen sind?“ „Ja, Hans“ waren ihre schlichten Worte. „Aber ein Jahr muss ich noch bei meiner Tante bleiben und lernen, damit du eine tüchtige Frau bekommst.“

In der Nacht konnte Hans nicht schlafen. „Ein ganzes Jahr noch warten, ein ganzes langes Jahr ohne meine Marie“. Am nächsten Morgen jedoch war das Jahr bereits herum. Denn wieder hatte der ungeduldige Hans an seinem Faden gezogen, und Marie stand vor ihm und lachte ihn an. Da war der Hans vielleicht froh!

Doch kurz darauf brachte ihm der Postbote einen Brief, darin stand, dass er nun zwei Jahre zu den Soldaten müsse. Hans zeigte den Brief seiner Marie. Sie schaute ihn freundlich an und sagte: „Ach, Hans gräme dich nicht, die beiden Jahre gehen auch noch herum“, und Hans lachte verschmitzt und sagte: „Bestimmt Marie ich denke auch!“ Als er dann in der Kaserne war zog er nicht gleich an seinem Faden; es gefiel ihm schon ganz gut unter all diesen lustigen Leuten; er dachte auch daran was ihm der freundliche alte Mann gesagt hatte und hielt eine Weile aus, auch als der Dienst strenger wurde. Doch nach einiger Zeit erfasste ihn grosse Sehnsucht nach Marie und er holte das Bällchen hervor und zog an seinem Faden um bald Urlaub zu bekommen und nach dem Urlaub machte ihm der Dienst keine Freude mehr. Er zog jeden Morgen ein wenig und schliesslich auch an den Sonntagen, wenn die Kammeraden vergnügt miteinander ausgingen. Da war die Soldatenzeit plötzlich herum wie im Traum, und selbst Marie wunderte sich wie schnell das gegangen war.

Wieder daheim dachte sich Hans: „So schnell werde ich bestimmt nicht mehr das Bällchen benutzen. Denn schliesslich beginnt jetzt die schönste Zeit in meinem Leben, und diese Zeit will ich voll auskosten.“ Hans blieb seinem Vorsatz dann auch meistens treu. Nur ab und zu, so vor der Hochzeit, wenn er gar zu sehr auf den Baugerüsten schwitzte, zog er schon mal so ein ganz kleines bisschen am Faden. An sich war sein Leben fast wie das der anderen, und er dachte oft mit Stolz: „Wenn die wüssten was ich mit meinem Bällchen alles kann!“

Am Hochzeitstag waren alle sehr fröhlich, und Hans hütete sich vor jeder Ungeduld, obwohl er es fast nicht erwarten konnte, bis er seine Marie in das hübsche Haus bringen konnte, dass er ihr selber gebaut hatte. Beim Festmahl winkte er seiner Mutter zu, die mit einer Nachbarin am Tisch sass und munter plauderte. Da merkte er, dass sie ziemlich viele graue Haare bekommen hatte, und er hatte ein schlechtes Gewissen, weil er so oft an seinem Faden gezogen hatte. „In Zukunft werde ich so selten wie nur möglich daran ziehen“ dachte er.

So ging ein paar Monate alles gut, doch als Marie erzählte, dass sie ein Kind bekommen würden, da war die Ungeduld wieder sehr gross, und so wurde wieder fleissig am Fädchen gezogen. Auch als das Kind da war, ging es so: Wenn es schrie oder krank war, und schliesslich auch damit es endlich sprechen und laufen könne.

Eine Zeitlang gingen dann die Geschäfte mehr schlecht als recht, auch sein Bauhandwerk, dass er nun selbstständig führte. Das konnte Hans nicht lange aushalten, wozu hatte er schliesslich seinen Wunderfaden?

Endlich wurde alles wieder gut und Hans hütete sich lange sein Fädchen zu ziehen. Eines Morgens hatte er nämlich bemerkt, dass es nicht mehr golden herauskam, sondern silbern, und er ahnte, dass es wohl nun nicht mehr ewig vorhalten konnte. Marie, seine liebe Marie schenkte ihm noch mehr Kinder; da musste Hans wieder oft zum Bällchen greifen, besonders als die Sorgen mit den Kindern grösser wurden. Eines Nachts, als er wieder einmal lange wach lag dachte er sich: „Ach es wäre doch viel schöner, wenn die Kinder alle gross wären und gut versorgt, dann hätten Marie und ich endlich wieder Zeit für unsere Liebe.“ Da tat er wieder einen langen Zug am Fädchen, bis alle Kinder aus dem Haus waren. Doch nun hatte auch er silberne Fädchen auf seinem Kopf bekommen. Geduld hatte er mit alledem nicht gelernt; wenn ihm ein Zahn weh tat oder wenn er von den zugigen Baustellen das Reissen in den Gliedern hatte, mochte er nicht warten sondern half sich, wie er es halt gewohnt war.

Die meisten Beschwerden konnte er wohl so vertreiben, doch es kamen immer neue. So viel er auch ziehen mochte an seinem Zauberfädchen, so wie früher wurde das Leben nicht mehr. Allmählich wurde ihm sein Handwerk beschwerlich und wenn er auf den Gerüsten arbeitete taten ihm alle Knochen weh. Und eines Morgen dann, kam das Fädchen nicht mehr silbern sondern grau. Er sah im Spiegel, dass seine Haare dünn geworden waren und sein Gesicht viele Falten bekommen hatte; da sagte er zu sich „nun wollen wir aber langsam machen die Marie und ich.“ Das war auch Marie dann recht und sie meinte: „Du Hans es wird Zeit das du dich zur Ruhe setzt“. Tja aber dafür war noch nicht genug Geld da und so musste noch einmal das Fädchen herhalten.

Nun hatte er endlich seine Ruhe. Gleich am ersten Tag ging er in den Wald, um sich Gedanken zu machen und frische Luft zu schöpfen. Die kleinen Tännchen von ehedem waren inzwischen dicke Bäume geworden, fast fand er die alten Wege seiner Kindheit nicht mehr. Da setzte er sich auf einer Lichtung auf eine Bank, hörte die Vögel zwitschern und liess sich von der Sonne die Nase kitzeln und schlummerte ein wenig.

Und plötzlich hörte er eine Stimme die ihn rief, er sah auf und vor ihm stand der freundliche alte Herr von ehedem als er noch ein junger Knabe gewesen war.

„Na, Hans“, sagte der freundlich, „wie ist es so gegangen? Hast du ein glückliches Leben gehabt?“
„Ach, ich weiss nicht. Dein Bällchen ist so wunderbar, ich habe nicht viel warten müssen in meinem Leben; aber es ist gar so schnell herumgegangen. Das Schöne und Angenehme kam immer dicht hintereinander, aber immer war ich ungeduldig und wollte es noch besser haben. Und jetzt bin ich alt und schwach; am Fädchen ziehen das traue ich mich nicht mehr. Am liebsten würde ich so lange ziehen bis das Fädchen aufgebraucht ist. Dein Geschenk hat mir kein Glück gebracht!“

„Na, Hans das ist aber nun doch recht undankbar. Aber sag mir doch, wie hätte es denn sein sollen?“
„Du hättest mir ein Bällchen geben sollen, dessen Fädchen man zurückschieben kann. Da könnte man seine Fehler bessermachen, und das Leben ginge auch nicht so schnell vorbei.“
„Ha, Ha, Ha, dass geht leider nicht; das erlaubt der liebe Gott nicht. Na, ja, aber einen Wunsch kann ich dir wohl noch gewähren, mein verwöhntes Hänschen.“
„Welchen“
„Ha, Ha, Ha, am besten denkst du ihn dir wohl selber aus“
„Hmm, wenn es überhaupt noch möglich ist würde ich am liebsten mein Leben nochmal leben dürfen, aber ohne dein Zauberbällchen. Ich würde ja doch nur zuviel daran ziehen. Ich möchte so leben wie die anderen Menschen. Wenn es wohl tut, dann tut es wohl, und wenn nicht dann muss man wohl Geduld haben auch wenn es weh tut.“

Der Alte schaute Hans ganz freundlich an: „Nun gut Hans, das kannst du haben. Aber bedenke es wohl. Wenn du das wirklich willst, dann gib mir jetzt das Bällchen zurück.“

Und kaum hatte Hans ihm das Bällchen gereicht, da sank er in einem tiefen Schlaf.
Als er aufwachte lag er in seinem Bett und seine Mutter sass bei ihm. Doch sie war nicht alt und grau, sondern jung und hübsch. Besorgt sah sie ihn an und sagte: „Bist du endlich wach, Hans?“
„Wo bin ich denn?“
„In deinem Bett, zu Hause, bei mir. Du hast ein hohes Fieber gehabt, du warst zu lange im Wald in der Sonne. Dauernd hast du von einem silbernen Bällchen phantasiert und von deinem Lebensfaden.“ „Ja bin ich denn nicht alt und krank?“
„Aber nein, und krank bist du ja wohl auch nicht mehr.“
Da setzte sich Hans in seinem Bett auf und fiel seiner Mutter um den Hals.
„Und Marie, ist sie nicht alt und krank?“
„Ach, Hans du phantasierst doch wohl nicht schon wieder?“ fragte seine Mutter ängstlich. „Mariechen sitzt draussen in der Stube und wartet bis sie dich sehen darf.“
Da hielt es Hans nicht länger im Bett. „Marie, Marie“, rief er.
Mariechen kam herein und Hans fiel seiner Marie um den Hals. „Mariechen, ich bin wieder ganz gesund und morgen gehen wir zusammen in die Schule und ich bin überhaupt nicht mehr ungeduldig, und überhaupt so froh, so froh das du da bist!“
„Ach Peter“, flüsterte Marie, und wischte sich ein Tränchen aus den Augen.... und Peter fiel ihr um den Hals.

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