Die Serie "Vermischtes" stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Sie werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten.

1) Tribalism isn't our country's main problem
This utter dearth of partisan polarization undermined democratic accountability. A liberal could vote for Democratic candidates in New York, and unwittingly empower arch-segregationists in the Senate; many voters had no clear heuristic telling them which party would best represent their interests and ideological goals, nor which one was to blame for Congress’s failure to advance such aims. In response, the American Political Science Association (APSA) released a report in 1950 that called on Republicans and Democrats to heighten their contradictions, arguing that “popular government in a nation of 150 million people requires political parties which provide the electorate with a proper range of choices between alternatives of action.” Sixty-eight years later, we’ve done just as the APSA advised. Today’s party system offers voters a wide — and clearly labeled — range of alternatives. While myriad policy debates remain stifled by bipartisan consensus (the proper size and role of the U.S. military, for example), it is nevertheless the case that Democrats and Republicans now provide the electorate with stark choices on health care, taxation, social spending, immigration, racial justice, abortion, environmental regulation, labor rights, and other issues. It has rarely, if ever, been more clear what — and whom — each party in the U.S. stands for. And rarely, if ever, has “popular government” been a worse misnomer for what transpires in our nation’s state and federal capitals. (New York Magazine)
Das ist ein sehr langer und ausführlicher Artikel sowohl über die Geschichte der Polarisierung beziehungsweise Überparteilichkeit als auch eine Analyse ihrer Funktion und Konsequenzen. Ich empfehle die Lektüre unbedingt und will an dieser Stelle nur eine kleine Ergänzung bringen. In Deutschland wurde und wird immer wieder gefordert, die Parteien müssten mehr streiten, sich klarer unterscheiden, und so weiter und so fort. Es wird immer so getan, als würde das Probleme lösen. Dabei zeigt das amerikanische Beispiel deutlich, dass es vor allem eine Änderung ist: manche Probleme verschwinden, andere kommen neu dazu. Es gibt kein objektiv besseres System, genauso wie bei Verfassungsmechanismen und Wahlrechten. Jede Variante kommt mit ihren eigenen Vor- und Nachteilen, und es wäre hilfreich diese ehrlich zu benennen statt der Idee einer utopischen Lösung aller Probleme nachzujagen.


2) Liberals need to fight for their values again
First, liberals must fight alongside and for the powerless, the underdogs of both society and economics. At its root, liberalism is a political philosophy demanding the diffusion of power—whether economic, social or political. That is why liberals want free, competitive, fair markets; a socially liberal culture and laws allowing for human diversity; and pluralism in politics. [...] Second, liberals have to be eternally vigilant against the rigging of markets in favour of vested interests. This is not a battle that will ever end. Those with economic power will always use it to shape market dynamics to suit their own ends. The housing market in America and Britain, for example, is strongly tilted in favour of those with wealth and political power. [...] Third, liberals have to sharpen their anti-elite instincts. The emergence of the phrase “liberal elite” is deeply unfortunate, since liberals ought in principle to be wary of the power of elites. But sadly, it applies. Liberals, especially those of an intellectual orientation, have become too respectful of the authority of elite colleges, professional associations, perhaps even of elite publications (like this one). Liberals certainly value expertise. And they worry that mass movements can damage pluralism. Mill and Tocqueville both wrote eloquently on these points. But while elites will always exist, liberals will always fight against them when they become self-serving. (The Economist)
Das gleiche kann man auch über die Sozialdemokraten sagen. Der große Vorteil der Rechten dieser Tage ist, dass sie ein klares Narrativ haben. Sie haben Schuldige, und sie haben ein Ziel. Alles was sie sagen und tun passt da rein. Von sozialdemokratischer oder liberaler Seite kommen da meist nur inkrementelle Reförmchen und policy-Ideen, die zwar allesamt besser sind als der Mist, der von AfD und Konsorten kommt, aber auch nicht sexy. Und ein großer Teil dieses Problems ist der mangelnde Wille zur Auseinandersetzung, der ja auch in Fundstück 1 beklagt wird. Selbst in den USA ist die Polarisierung eine sehr einseitige Veranstaltung; die krasse Aufrüstung wird bisher nur von einer Seite betrieben, in Deutschland sowieso.


3) Das Dilemma der AfD
Wie die Dinge liegen, hat die AfD nur diese Wahl, es gibt keinen Mittelweg. Extremisten können Gemäßigte aus taktischen Gründen tolerieren, umgekehrt geht das nicht. Ein Gemäßigter, der Extremisten toleriert, ist kein Gemäßigter mehr, er bezahlt dafür mit seiner Glaubwürdigkeit. Entsprechend vergiftet ist das Argument von Rechtsradikalen wie Björn Höcke, die stets betonen, für einen innerparteilichen Pluralismus einzutreten und Andersdenkende nicht verdrängen zu wollen. Das muss Höcke auch nicht, seine Duldung ist sein Sieg. Ebenso erklärt es, warum Gemäßigte wie die Vereinigung „Alternative Mitte“ nur verlieren, je länger sie zahnlos einen Ausschluss von Höcke fordern. Mit ihrem dürren Stimmchen liefern sie gerade den Beweis, warum die „Alternative“ nicht mehrheitlich in der „Mitte“ steht. Aber auch der Weg der Mäßigung birgt ein großes Risiko. Auch an ihm kann die Partei zerbrechen, übrigens aus dem gleichen Grund: Es gibt keinen Mittelweg. Wenn etwa die Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Alice Weidel, den Parteiausschluss des antisemitischen baden-württembergischen Abgeordneten Wolfgang Gedeon fordert, klingt das zunächst nicht nach einem Risiko. Ist es aber. In der AfD-Landtagsfraktion gibt es einen Abgeordneten namens Stefan Räpple, der sagt, er teile Gedeons Ansichten vollkommen. Kann Weidel auf dessen Ausschluss verzichten, ohne ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren? Natürlich nicht. So sind es schon zwei. Dann sagt Gedeon selbst, er habe in der Landtagsfraktion weitere Unterstützer. Was ist mit denen? Die Kreise werden weiter. Und was ist, wenn nach langem Hin und Her dann doch keiner von ihnen ausgeschlossen wird? (FAZ)
Wenn du dich mit dem Teufel einlässt, verändert sich nicht der Teufel, der Teufel verändert dich. Das gilt für die AfD genauso wie für die Republicans. Wer sich nicht klar gegen Extremisten abgrenzt, wird am Ende zusehen wie sie den eigenen Laden übernehmen. Das ist im Übrigen auch einmal mehr einer der Gründe, warum die CDU nicht einfach den rechten Rand (wieder) integrieren kann, wie die CSU gerade schmerzlich erfahren musste. Das Dilemma der Populisten ist real, aber sie werden sich zwingend dafür entscheiden, diese Leute zu tolerieren und zu integrieren, weil sonst ihr ganzer scheiß Laden auseinander fällt. Umso wichtiger ist, sie auszugrenzen zund zu isolieren, damit dieses ganze Dilemma auch mit realen Kosten behaftet ist.

4) Why can't Democrats get angry?
“Everyone is mocking Lindsey Graham for expressing the kind of outrage Democratic Senators should’ve been expressing daily over Merrick Garland,” tweeted writer Isaac Butler after the hearing. He’s not wrong, but it’s worth imagining a similar tweet reading, “Everyone is mocking Brett Kavanaugh for expressing the kind of outrage Christine Blasey Ford should have expressed daily since this debacle began.” What would “should” even mean in this case? She would have been justified, yes, but she absolutely never, ever could have. Crying, screaming, blaming, complaining—Brett Kavanaugh can get away with it. She can’t. This thought experiment isn’t just sophistry; the pressures are the same on the party at large, and for similar reasons. Lindsey Graham can get away with it; Kamala Harris would be pilloried. Even Chuck Schumer would be pilloried. The gender of the legislator is significant, but so is the gender, if you will, of the party. And though we don’t really discuss it, the Democratic Party is a girl. This isn’t just about who’s allowed to scream without consequence; it’s also about who’s expected to be reasonable and who gets to be stubborn, who keeps the peace and who advocates force, who makes compromises and who makes demands, who can and can’t successfully run a human tantrum for president. It’s also about ideology. Democrats’ concerns are those that are cast as feminine: justice, feelings, women’s bodily autonomy, children, the ability to keep a family provided for and alive. Republicans’ concerns are those considered masculine: money, business, repelling those seen as intruders, the wielding of physical and economic brutality. It’s not an accident that people who are deeply invested in the sanctity of masculinity—the right of men to power, violence, and control—tend to vote GOP. It is not an accident that these same people tend to denigrate the other party as womanly. (They think it’s a denigration, anyway.) (Slate)
Passend zu Fundstück 2 kommt hier diese Fragestellung. Auch wenn die Kommentatoren sich vermutlich gleich wieder an den Gender-Ideen reiben werden, ist doch zumindest die Substanz kaum zu leugnen. Die progressiven Kräfte haben ein ernstes Problem damit, Zorn, Erregung und Wut zu performen. Man denke nur an die Dauerkritik gegenüber den müden Versuchen seitens diverser SPD-Politiker von Nahles bis Scholz, das auf Wahlkampfveranstaltungen zu versuchen. In deren Fall ist es zum einen Teil auch eine mangelnde Glaubwürdigkeit, es wirkt alles nur wie Performance. Aber teilweise ist es halt auch so, dass der Zorn schlicht nicht zugestanden wird, weil man schon die Themen selbst als eine Zumutung empfinden will. Umgekehrt ist es immer kein Problem, wenn ein lautes "Mir san mir" im Bierzelt herausgedonnert wird. Mag auch an den unterschiedlichen Milieus liegen.

5) Trump, populists and the rise of far-right globalization
President Trump and the far right preach not the end of globalization, but their own strain of it, not its abandonment but an alternative form. They want robust trade and financial flows, but they draw a hard line against certain kinds of migration. The story is not one of open versus closed, but of the right cherry-picking aspects of globalization while rejecting others. Goods and money will remain free, but people won’t. [...] The pattern of right-wing alter-globalization is repeated in Germany and Austria, where the Alternative for Germany and the Austrian Freedom Party have recently recorded electoral wins. Neither party proposes national self-sufficiency or economic withdrawal. In their programs, the rejection of economic globalization is highly selective. The European Union is condemned, but the language demanding increased trade and competitiveness is entirely mainstream. The Alternative for Germany takes fiscal conservatism to an absurd degree with criminal charges demanded for policymakers who overspend. Both parties call for no inheritance tax and burdensome regulations, even as they make new promises for social spending. Free market capitalism is not rejected but anchored more deeply in conservative family structures and in a group identity defined against an Islamic threat from the East. Several of the Alternative for Germany’s leaders are also members in a society named after Friedrich Hayek, often seen as the arch-thinker of free-market globalism. (New York Times)
Ich bin mir immer nicht ganz sicher, wie viel von dieser "Hyper-Konnektivität", die in dem Artikel angesprochen wird, genuin gefühltes Programm bei den Rechtspopulisten ist und wie viel davon einfach nur routinierte Rückfallposition. Es erinnert mich ein bisschen an Pazifismus und Internationalismus bei den Linkspopulisten: eine nützliche Rückfallposition, die aber im Zweifel sehr schnell anderen, als wichtiger empfundenen Prioritäten untergeordnet wird. Ich glaube, ähnlich verhält es sich mit globalisiert marktwirtschaftlichen Elementen bei Trump, Brexiteers, AfD und Co: Im Zweifel dafür, aber sobald in irgendeiner Art und Weise ein direkter Interessenskonflikt aufpoppt, ist der jeweilige Kulturkampf oder die jeweilige Wahlkampfhilfe wichtiger. Unabhängig davon zeigt die Analyse, weswegen die Begeisterung linker Kapitalismuskritiker für Trump, Brexit, AfD und Co so unglaublich kurzsichtig ist. Der Feind meines Feindes ist halt nicht automatisch mein Freund, und nur weil Nigel Farage und Donald Trump die EU nicht mögen heißt das noch lange nicht, dass sie die Ziele der linken Kritiker teilen würden. Und etwas zerschlagen, ohne eine Idee zu haben was danach kommt (oder einen Pfad, diese umzusetzen) ist noch der Kardinalsfehler aller gescheiterten Revolutionen gewesen, die danach von Extremisten übernommen wurden, ob von rechts oder links.

6) Weit weg von der Transferunion
Selten hat eine Idee eines amtierenden deutschen Finanzministers so viel mediale Empörung ausgelöst wie der in der vergangenen Woche bekannt gewordene Vorschlag von Olaf Scholz zu einer "Europäischen Arbeitslosenrückversicherung". Es bringe nichts, "Europas Probleme mit Deutschlands Geld lösen zu wollen", tönte es sofort aus der FDP. Die Spitze der Unionsfraktion polterte, man dürfe nicht "weitere Risiken vergemeinschaften". Am Freitag stellte Kanzlerin Angela Merkel klar, dass auf dem geplanten Eurozonengipfel im Dezember der Vorschlag "kein Thema" sein werde, weil die Bundesregierung keine einheitliche Position zu dem Thema habe. Diese reflexhafte Abwehr ist bedauerlich. Denn tatsächlich ist die Grundidee einer Art Rückversicherung für nationale Arbeitslosenversicherungen ökonomisch schlicht sinnvoll. Die Ängste, dass die Deutschen über ein solches System am Ende für die Fehler anderer zahlen müssten, sind dagegen weit übertrieben. Fangen wir einmal bei der ökonomischen Logik des Vorschlags an: Länder zahlen in guten Zeiten jedes Jahr aus ihrem Haushalt einen kleinen Beitrag auf ein Konto in einem gemeinsamen Fonds ein. Wenn ein Land in eine tiefe Krise rutscht, in der die Arbeitslosigkeit rapide und plötzlich steigt, bekommt es das von ihm selbst angesparte Geld zurück. Wenn die eigens angesparten Rücklagen nicht reichen, weil die Krise besonders tief ist, kann sich das Land außerdem Mittel aus den Rücklagen der Partner leihen. Diese Mittel müssten zurückgezahlt werden, sobald die Krise abebbt. Allein dieser einfache Mechanismus könnte schon dazu beitragen, dass die Konjunkturzyklen in der Eurozone weniger heftig ausfallen. Da die Länder gezwungen würden, in guten Zeiten in den Fonds einzuzahlen, würden sie im Effekt gezwungen, eine Reserve für schlechte Zeiten zu bilden. (ZEIT)
Die ideologisch begründete, instinktive Ablehnung eigentlich guter policy-Ideen habe ich ja bereits im Zusammenhang mit der Energiewende im letzten Vermischten beklagt. Gerade bei den Reformen der EU hätten CDU und FDP gerade eigentlich die einmalige Chance gehabt, mit einem gleichgesinnten und reformwilligen Staatsoberhaupt in Frankreich endlich eine Reform umzusetzen, statt alles nur auszusitzen - und das gerade entlang ihrer eigenen policy-Präferenzen, die ich ja nun wahrlich nicht teile. Aber stattdessen zog man sich in die eigene ideologische Wagenburg zurück und gefiel sich in der Rolle des moralisch sauberen Prinzipienreiters, eine Rolle, die man ja sonst gerne den Linken anhängt. Mich erinnert diese Weigerung, selbst auf Basis der eigenen Prämissen sich überhaupt intellektuell mit den Ideen zu beschäftigen, an Obamacare. Ein allseits bekanntes Problem wird endlich auf Basis der Ideen der Gegenseite angegangen, aber anstatt konstruktiv mitzuarbeiten, wird ideologisch und wahlkampftaktisch sabotiert und behindert, was das Zeug hält. Das lohnt sich zwar an der Wahlurne, fügt der res publica aber schweren Schaden zu. Dabei könnten die Leute ja gerade mit so etwas wie der Agenda2010 auf eine sehr erfolgreiche konstruktive Mitarbeit zurückblicken, unabhängig davon, was man von der Agenda2010 hält. Die CDU und FDP konnten seinerzeit über die Sperrmajorität im Bundesrat einiges an eigenen policy-Vorstellungen einbringen (und die Schuld für das ganze Projekt bei der SPD belassen), was sie mit einem Beharren auf ideologischer Reinheit nicht erreicht hätten.

7) Einreisesperre offenbar überflüssig
Die von Bundesinnenminister Horst Seehofer Mitte Juni verfügte Wiedereinreisesperre für abgelehnte Asylbewerber an der deutsch-österreichischen Grenze hat bislang kaum Wirkung gezeigt. Wie die Zeitungen der Funke-Mediengruppe unter Berufung auf Sicherheitskreise berichten, hat es bislang erst drei Zurückweisungen solcher Asylbewerber gegeben. Das Ministerium hatte der Zeitung zufolge mit rund 100 Fällen im Monat gerechnet. Tatsächlich seien es bis zum 17. Oktober insgesamt 89 Migranten gewesen. Davon hatten nur drei bereits einen Asylantrag gestellt. Alle übrigen 86 wären auch vor dem Erlass schon abgewiesen worden. Seehofer hatte es im Sommer als "Skandal" bezeichnet, dass Menschen mit Einreisesperre trotzdem einreisen könnten. (Tagesschau)
Das sind halt rechte identity politics: kosten einen Haufen Geld, belästigen zahllose unbescholtene Bürger, machen jede Menge Krach, vergiften den Diskurs und bringen - nichts. Dass solcherlei schädliche Symbolpolitik zwar immer gerne kritisiert wird, wenn sie von links kommt, aber nicht von rechts, liegt vermutlich auch am Sujet: Dadurch, dass die Rechtspopulisten den Scheiß immer bei Kriminalitätsthemen abziehen, will sich niemand die Blöße geben als schuldig dazustehen, wenn am Ende doch irgendwas passiert - während eine Seehofer immer die Schuld für einen Asylbewerber-Selbstmord weit von sich weisen kann, schon alleine, weil dessen Tod praktisch niemand berührt. Ekelhaft.

8) Warum Saudi-Arabien vor der Revolution steht
Saudi-Arabien ist ein Scheinriese. Er wankt heftig. Nicht erst seit heute, sondern grundsätzlich, strukturell. Die Frage ist nicht ob, sondern wann der Scheinriese strauchelt. Der entsetzliche Mord an Regimekritiker Jamal Khashoggi ist gerade wegen seiner Perversität ein Zeichen torschlusspanikartiger Schwäche. Wenn der saudische Scheinriese strauchelt, sind die Auswirkungen global und, wie bei der Iranischen Revolution seit 1979, nicht nur national oder regional. Die Welt, wir nicht zuletzt, sollten uns darauf vorbereiten. [...] Jamal Khashoggi ist die eine Spitze des bürgerlich-saudischen „Eisberges“, der Oberterrorist Osama bin Laden die andere. Auch er stammt aus einer wohlhabenden, ja, geradezu superreichen Familie des sunnitisch-saudischen Bürgertums. So unterschiedlich die von bin Laden und Khashoggi gewählten Mittel – hier Reform und Partizipation, dort Terror und Revolution –, so ähnlich ihr Ziel: politische Teilhabe und Teilnahme. Ergänzt sei in diesem Zusammenhang, dass 19 von 22 der 9/11-Terroristen aus Saudi-Arabiens Bourgeoisie stammten. Ihre und Osamas Herkunfts-Geografie und Biografie dokumentiert Entscheidendes über ihre gegen die heimische Monarchie gerichtete Ideologie. Das saudische Regime meint offenbar, außer Mord keine Mittel mehr zu haben, um sich vor dem bevorstehenden bürgerlichen Umsturz zu „schützen“. Es hätte eine theoretische Chance: Machtteilung mit der sunnitischen Bourgeoisie. [...] Ist es fünf vor oder nach zwölf für Saudi-Arabien? So oder so ist es höchste Zeit, dass Deutschland, Europa und die Welt sich auf Fundamentalveränderungen in Saudi-Arabien vorbereiten. Einstweilen fehlen besonders hierzulande Wille und Fähigkeit zur strategischen Risikoanalyse. (Handelsblatt)
Die im Artikel angesprochenen Parallelen zu 1979 sind in der Tat kaum zu verhehlen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die angesprochenen unterdrückten Gruppen - ob es die "sunnitische Bourgeoisie" ist oder die Schiiten im Osten des Landes - nicht wissen, dass die Waffen und anderen Hilfen, die ihrer Unterdrückung dienen, unter anderem aus Deutschland kommen. Uns mag da durchaus ein Umschwung bevorstehen, wie ihn die USA nach 1979 erlebt haben, mit einer zutiefst feindlich gesonnenen Regionalmacht unter radikal-islamistischer Fahne im Mittleren Osten. Ein unwahrscheinliches Ergebnis eines Falls des saudischen Königshauses wäre das jedenfalls nicht. Auf der anderen Seite ist es natürlich durchaus möglich, dass die Repression der Saudis weiterhin erfolgreich ist und sie sich halten. In dem Fall ist natürlich auch das Beliefern der Diktatur mit Waffen weiterhin eine vernünftige Businessstrategie für Deutschland, wenn man - wie das ja seit Jahrzehnten erfolgreich geschieht - den moralischen Aspekt einfach ausblenden kann. Aber auch die USA dürften in der Rückschau inzwischen nicht mehr so sicher sein, ob die kurzfristigen taktischen Vorteile eines solchen "Freundes" oder Kunden die strategischen Nachteile im Falle seines Sturzes aufwiegen.

9) The big conservative lie on "voter fraud"
It's hard to know if Republicans are lying to the country or themselves with their incessant harping on the supposed epidemic of voter fraud. But they are clearly doing one or the other — because voter fraud is nowhere near a significant problem in this country, and to the extent that it's a problem at all, it's a miniscule one. Continually hyping the supposed voter fraud crisis is thus either a collective act of self-delusion or a cynical and flagrantly anti-democratic ploy to justify making it much harder for certain Americans (who just so happen to incline toward the Democrats) to vote. [...] We shouldn't be surprised by this. Most Republicans are notoriously quite comfortable with the many ways the U.S. Constitution stacks the deck in favor of the GOP — by, for example, giving voters in heavily Republican Wyoming the same representation in the Senate as voters in heavily Democratic California, despite the latter state having 68 times as many people as the former; and by giving individual voters in Wyoming three times the influence in allocating presidential electoral votes as individual voters in California; and by gerrymandering House districts to such an extent that Democrats may have to beat Republicans in total votes cast by 3, 4, 5, 6, or even 7 percentage points in next month's midterm elections in order to win a majority of the seats. But even with all of those structural advantages, Republicans still may not prevail. That’s because the Republican president (who lost the popular vote by a whopping 2.8 million votes) is incredibly unpopular, as is the Republican Congress, as is the Republican policy agenda, including the party's only major legislative accomplishment over the past two years, as well as its just-completed push to appoint a new justice to the Supreme Court. If the United States held a straight-up, majority-rules national referendum on the GOP's performance over the past two years, President Trump, Mitch McConnell, Paul Ryan, and the rest of them would promptly be booted out of power. [...] By continuing to treat voter fraud as a major problem and using it as an excuse to purge voter rolls and erect other obstacles to voting, Republicans demonstrate that they just don't care about (and may even be positively giddy about) the costs — because they will likely be borne by those unlikely to vote for Republicans anyway. Whether Republicans are lying to the country or themselves about the imaginary voter fraud problem, the consequences of combating it are the same: the GOP gets to continue and expand its minority rule of the United States. (The Week)
Dem obigen Artikel ist nur wenig hinzuzufügen. Die Republicans sind eine Minderheit, die Wahlen (auf Bundesebene betrachtet) ausschließlich gewinnt, weil sie sich undemokratischer Mittel bedient. Diese sind teils eine endlos lange Tradition, wie etwa die Bevorzugung leeren Lands gegenüber Gegenden wo tatsächlich Menschen wohnen, und lassen sich auch kaum mehr ändern. Teilweise sind sie aber dazu auch noch Wählerunterdrückung, etwa wo in großem Stil (wie aktuell in Georgia durch den republikanischen Gouverneurskandidaten) Wähler von den Wählerlisten gestrichen werden und sich umständlich neu registrieren müssten, wobei die Stichtage maximal ungünstig gelegt werden, oder wo Regeln für die Identifizierung festgelegt werden, die zum einen an der Willkür der (republikanisch dominierten) Wahllokale hängen und zum anderen von republikanischen Stammwählern ohnehin bereits erfüllt werden, während demokratische Wähler eher Probleme haben. Und dann haben wir noch nicht mal mit Gerrymandering angefangen. Fakt ist, dass die Republicans bei jeder Gelegenheit den demokratischen Prozess auszuhebeln versuchen. Dass sie dann ihre rassistisch aufgeladenen Lügen von voter fraud nutzen, um das Ganze zu legitimieren und die Lage maximal zu vernebeln, passt ins Bild.

10) Gender Studies und die Polemik um die "Polarisierung der Geschlechtscharaktere"
Die gegen*wär*tige Polemik gegen die Gender Studies, die an vielen Orten und Medien längst schon die Schwelle zur Bösar*tig*keit über*schritten hat, erweckt den Eindruck, als würden ein paar scheinbar amüsante Medien-stunts und Hoax-Juxe nur das Offen*sicht*lichste zeigen: Dass die wissen*schaft*liche Frage nach dem Geschlecht mit „rich*tiger“ Wissen*schaft nichts zu tun habe und besten*falls eine Mode*er*schei*nung sei. Die Entge*gen*set*zung von „wirk*li*cher“ Wissen*schaft und angeb*lich bloßem akade*mi*schem Geschwätz ist aller*dings ein alter Hut, der den Geis*tes*wis*sen*schaften immer wieder mal aufge*setzt wurde und wird, und der Vorwurf des Modi*schen lässt sich wohl prak*ti*scher Weise immer dann gebrau*chen, wenn man intel*lek*tuell nicht mehr ganz mitkommt. Wenn es dann noch um die Niede*rungen des Geschlecht*li*chen geht, ist der Spaß garan*tiert. Daher jetzt ernst*haft: Die Gender Studies, oder in meinem Fach die Geschlech*ter*ge*schichte, hat in ihrer langen akade*mi*schen Tradi*tion, die abge*sehen von Vorläu*fern in die 1970er Jahre zurück*reicht, einige Argu*mente entwi*ckelt und empi*ri*sche Belege beigebracht, an die zu erin*nern viel*leicht ganz hilf*reich sein könnte. Sie bewegen sich fern aller Aufge*regt*heiten, sind in keiner Weise „juicy“ – aber ziem*lich stark. Sie stellen wahr*schein*lich sogar die wich*tigste Inno*va*tion zumin*dest in der Geschichts*wis*sen*schaft seit einem halben Jahr*hun*dert dar, weil sie einen grund*sätz*lich neuen Gesichts*punkt, eine grund*sätz*lich neue Kate*gorie des Denkens in die Forschung einge*führt haben. [...] Wie hart*nä*ckig sich die Vorstel*lungen der „Geschlechts*cha*rak*tere“ auch heute noch hält, zeigen nicht zuletzt die Medien-stunts und Hoax-Juxe, die mit ihren Vorwürfen, die Gender Studies seien unwis*sen*schaft*lich und über*haupt ein unzu*läs*siges, weil poli*ti*sches Projekt, letzt*lich selbst noch in dieser Tradi*tion der „Disso*zia*tion“ der Geschlechter stehen: Wie können Frauen es wagen, Wissen*schaft*lich*keit in Anspruch zu nehmen, um über das Geschlecht und das Poli*ti*sche zu spre*chen…!? Allein, dass Geschlech*ter*rollen – man sagt heute: Gender – nichts „Natür*li*ches“ sind, hat schon Karin Hausen als eine der ersten Histo*ri*ke*rinnen über*zeu*gend am histo*ri*schen Mate*rial darge*legt. Das war zwar noch bei weitem nicht das letzte Wort in diesem Forschungs*feld. Aber es wäre gut, wenn all jene, die meinen, die Gender Studies kriti*sieren zu können, sich zumin*dest auf den Stand der Diskus*sion von 1976 bringen. Dann kann man sicher über das eine oder andere treff*lich streiten – aber das tun die Gender Studies auch selbst und schon lange. (Geschichte der Gegenwart)
Ich empfehle diesen längeren Artikel all denen zur Lektüre, die ständig die Behauptung verbreiten, Gender Studies seien reiner Hokus Pokus, keine Wissenschaft und was der ideologisch motivierten Ablehnung nicht noch mehr ist. Ich will an dieser Stelle noch einmal auf Ungarn hinweisen, wo die Regierung das Fach nun durch Dekret abgeschafft hat. Es ist ein direkter Angriff auf die Wissenschaftsfreiheit, weil die Regierung ideologische Probleme damit hat. Egal, was man von dem Fach hält, sollte man das als liberal gesinnter Mensch für sehr bedenklich halten. Ich zitiere an der Stelle mal den Niemöller: "Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte." Genauso ist es heute: Da schweigen Leute, weil sie die Gender Studies nicht mögen. Aber genau die Leute, die heute unter dem Feixen der Konservativen abgeschafft werden, fehlen dann als Demonstranten, wenn es anderen Fachrichtungen, die den Machthabern nicht genehm sind, an den Kragen geht. Wer Prinzipien hat, muss für die auch dann eintreten, wenn sie seine Gegner betreffen.

11) China's coming financial crisis and the national security connection
China is more economically vulnerable to a confrontation with the United States than it likes to admit. However, that weakness is not driven primarily by a budding trade war with America. China’s export volume growth has begun to slow with all major trading partners, not just the United States. A decade of reckless domestic credit growth is the primary source of China’s vulnerability. [...] The biggest national security issues, however, arise from the unpredictable political impact of a recession in China. We learned this, or should have, during the 1997 to 1998 Asian crisis. China may have had a disguised recession or near recession in 1998, but it was in a much smaller economy. Apart from that one episode there is no collective memory of recession and how to deal with it. As such, China is now psychologically unprepared to deal with the challenges of a recession. China’s coming recession will be accompanied by a large uncontrolled devaluation of the RMB as foreign exchange reserves evaporate, so it will be impossible to conceal this time. All asset prices, including housing prices, will be hit. Combine the shock of an unexpected economic setback with tensions in a one party state where a single individual has been calling the shots, and political instability could set in. While Xi’s anti-corruption campaign has not eliminated corruption, it has created many enemies who are biding their time. [...] Any Chinese military adventurism is likely to be focused on Taiwan. China’s military is currently poorly equipped for an invasion of Taiwan, which has difficult geography and a substantial military, making an invasion of Taiwan unlikely to succeed. However, it is possible the Chinese leadership would miscalculate the risks, leaving it in a limited war with no clear resolution that would quickly draw in Japan and the United States. (War on the rocks)
Ich empfehle grundsätzlich, den interessanten und langen Artikel ganz zu lesen. Ich habe wenig beizusteuern außer der grundsätzlichen Erkenntnis, dass die Öffentlichkeit mehr Fokus auf China und die dortigen Geschehnisse legen sollte. Ich lese seit ungefähr einem halben Jahr deutlich mehr zum Thema, aber es ist vergleichsweise schwer, entsprechende Überblickswerke zu finden. China ist zwangsläufig der große aufsteigende Faktor der nächsten Dekaden, und welche Folgen und Ausprägungen dieser Aufstieg auch immer haben wird (und ich verbinde wenig Gutes damit), wir werden mit Sicherheit davon betroffen sein. Zusammen mit der globalen Erwärmung und der Digitalisierung dürfte der Aufstieg Chinas Teil der Top 3 sein, die in Deutschland gerade in geradezu frivoler Weise zugunsten von Nabelschau-Themen ignoriert werden.

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