Die Serie "Vermischtes" stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Sie werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten.

1) Mit Comics gegen Manfred Spitzer
Es ist ein echtes und wiederkehrendes Ärgernis: Wann immer in Deutsch- bzw. Neuland über digitale Themen diskutiert wird, bestätigt Manfred Spitzer auf allen medialen Kanälen kulturpessimistische Ur-Ängste. Das gut sortierte Schreckens-Kabinett des Doppel-Doktors erstreckt sich vom drohenden Verlust der Wirklichkeit über irreversible Entwicklungsschäden bis hin zur nahenden Bildungskatastrophe. Und am studiengestählten Harnisch aus Empirie, Pseudo-Empirie, Wissenschaft, Pseudo-Wissenschaft und bewahrpädagogischer Ideologie prallen selbst die argumentativen Waffen ausgewiesener Netzkapazunder wirkungslos ab. Das musste z.B. Sascha Lobo erleben, den der Ulmer Psychiater 2017 bei Anne Will fast aus dem Studio brüllte. Um den steten Ärger zu beenden, könnte man ganz einfach von seiner Filterkompetenz Gebrauch machen und Spitzer auf eine globale Ignore-Liste setzen. Das eigentliche Problem wird dadurch jedoch nicht gelöst. Denn das besteht in der immensen Breitenwirkung, die Spitzers Thesen entfalten. Vor allem diejenigen, die Twitter nur aus der Tagesschau kennen, alles Virtuelle für unwirklich halten, stolz darauf sind, die Social Media zu meiden, und sich wahlweise durch oberflächliche Talkshows oder reißerische Trash-TV-Reportagen über die Welt des Digitalen informieren, sehen in Spitzer einen willkommenen Bündnisgenossen, der ihre Bedenken professoral veredelt. [...] Auf den ersten Blick scheint es, als brauche man tatsächlich einen Superhelden wie Phantomias, um Manfred Spitzer in die Schranken zu weisen. Auf den zweiten Blick wird jedoch ein Phänomen sichtbar, das man medienpädagogisches Nudging nennen könnte und das uns hoffnungsvoll stimmen sollte: Denn die (jungen) Leser(innen), die sich mit Phantomias und der Seite des Guten identifizieren, werden als Erwachsene in Manfred Spitzer sofort eine lebensweltliche Inkarnation des analogen Ritters erkennen, der schon in Entenhausen auf der falschen Seite kämpfte und den man nicht allzu ernst nehmen sollte. Was weder Journalismus noch Wissenschaft gelingt, kann Phantomias also locker leisten. “Lest mehr Comics!” muss daher der Wahlspruch der Aufklärung wider die Spitzer’schen Verrücktheiten lauten. (Axel Krommer)
Manfred Spitzer ist eine meiner absoluten Hassfiguren in der ganzen Digitalisierungsdebatte. Abgesehen davon, dass er ein ungeheuer unangenehmer Mensch ist - sein Diskussionsstil ist unterirdisch, aggressiv und von Dominanzbedürfnis geprägt - ist er ein Reaktionär, dessen Forderungen typisch sind für all jene, die sich mit aller Macht dem Fortschritt entgegenstemmen wollen, ohne ihn zu verstehen. Sein Alarmglockengeläut ließe sich problemlos in jede andere Epoche versetzen; der Begriff "Smartphone" muss nur wahlweise mit "Rockmusik", "Comics", "Magazine" oder "Romane" ersetzt werden. Allein das sollte ein Warnsignal für jeden sein, den Mist Ernst zu nehmen. Spitzer nutzt zudem seinen Status als "Wissenschaftler" offensiv, um jeden Gegner in die Unterwerfung zu prügeln. Dabei sind seine "Studien" methodisch überaus angreifbar und von anderen Hirnforschern auch zur Genüge auseinandergenommen worden und sein Institut steht schwer in der Kritik. Die Idee aus dem obigen Artikel, die nachfolgende Generation gegen diesen Unsinn zu immunisieren, ist daher kein Fehler. Es gehört zu der Ironie dieser ganzen Debatte, dass diese Immunisierung nur funktionieren würde, wenn die Jugendlichen, anders als Spitzer in seinen Oswald-Spengler'schen Abgesängen auf die Kultur des Abendlands, gedruckte Werke lesen - auch wenn es sich "nur" um das Lustige Taschenbuch handelt. Die ganze Tragödie von Spitzers bescheuerten Positionen und der hervorgehobenen Stellung, die er im Diskurs innehat - er wird ständig als Experte in Talkshows eingeladen, obwohl eine Diskussion mit ihm überhaupt nicht möglich ist und seine Positionen mehr als zweifelhaft sind - ist, dass er damit den Brunnen für all diejenigen Punke vergiftet, die an der Digitalisierung tatsächlich problematisch sind. Dadurch, dass er sich als "die Kritik inszeniert, delegitimier er moderatere, nachdenklichere und methodisch fundiertere Kritik an Smartphones und digitaler Sphäre. Mich erinnert diese Dynamik stark an die frühen 2000er Jahre, als die völlig wilden "Killerspiel"-Debatten jeglichen informierten Diskurs über Gewalt in Computerspielen unmöglich machten und die ganze Branche völlig gegen Kritik isolierten. Wo Kritik nämlich dermaßen kompromisslos und unfundiert daherkommt, wird die Gegenseite sich komplett verschließen. Die Ernte davon fahren wir dann mit #Gamergate ein. Spitzers bescheuerte Thesen drohen, die Smartphones komplett in eine Grauzone zu schieben, in der ihre Nutzer sich jeglicher Kontrolle und Diskussion über ihr Nutzungsverhalten entziehen, weil auf der Gegenseite nur ein fanatischer Extremist steht. Spitzer muss so schnell wie möglich aus dem Diskurs herausgdrängt werden, zugunsten von Leuten, die wissen wovon sie reden. Die AfD beruft jetzt übrigens Manfred Spitzer als ihren Vertreter in die Enquete-Kommission. Keine Pointe.

2) Diese Partei ist am Ende
Der Niedergang der SPD vollzieht sich unabhängig von Regierungsbeteiligungen. Hätten diejenigen recht, die meinen, dass das Heil der Partei in der Opposition liege, müsste die bayerische SPD vor Kraft kaum gehen können. In Bayern ist die SPD seit 61 Jahren von der Macht entfernt. Das Einzige, wozu sie sich heute noch in der Lage sieht, ist, der Parteivorsitzenden das Leben schwer zu machen. Dazu reicht es in der SPD immer. Niemand verkörpert das Elend besser als der Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert. Kühnert hat Verschiedenes anstudiert, jetzt tingelt er als SPD-Retter durch die Republik. Mit seinen politischen Vorstellungen mag Kühnert jede Asta-Versammlung von den Stühlen reißen. Im außeruniversitären Alltag, also da, wo - Gott sei's geklagt - Wahlen entschieden werden, vertritt er mit seinem Programm maximal drei Prozent der Deutschen - was ihn selbstredend nicht davon abhält, sich als das Gewissen der Partei zu empfehlen. Die Kühnert-Sozialdemokraten verhalten sich ein wenig so wie Journalisten, die sich für ihre Leser schämen, weil sie ihnen zu provinziell und ungebildet sind, und die stattdessen lieber für andere Journalisten schreiben, die so denken wie sie. Der typische SPD-Wähler hat zum Beispiel nichts gegen Kohlestrom. Er hat auch nie etwas gegen Atomkraft gehabt, bis man ihm einredete, dass Kernkraft Teufelszeug sei. Was den Sozialstaat angeht, befürwortet er grundsätzlich die Umverteilung von oben nach unten; anderseits findet er, dass Leute, die nicht arbeiten, auch nicht zu üppig alimentiert werden sollten. Vor allem aber hat der SPD-Traditionswähler nichts gegen Law and Order. Seine Idealbesetzung als Innenminister war Otto Schily, der mit Schlagstock und Helm posierte, eine Selbstinszenierung, die heute sofort als rechtslastig gelten würde. Insofern macht ihm auch ein Mann wie Hans-Georg Maaßen keine Angst. Im Gegenteil: Im Zweifel findet selbst der gestandene Sozi, dass man es in der Flüchtlingspolitik nicht übertreiben sollte und deshalb einen wie Maaßen im Sicherheitsapparat gut gebrauchen könnte. (SpiegelOnline)
Dass ich dem Fleischhauer zustimmen würde...! Aber der Mann macht hier durchaus einige gute Punkte. Natürlich begeht er dabei den typischen Fehler praktisch jeden SPD-Kritikers (mich eingeschlossen), die Quadratur des Kreises durch Autor-Fiat durchzuführen und die widersprüchlichen Probleme der Partei einfach durch Konzentration auf einen Schauplatz vom Tisch zu wischen. Ja, die alte Kernwählerschaft der SPD war so, wie Fleischhauer sie beschreibt, aber diese Kernwählerschaft ist halt genau das - ein Kern. Alleine reicht sie nicht für Mehrheiten, und ihre Positionen sind auch ungeheur diffus. Der typische SPD-Wähler mag zwar keine Arbeitslosen mit "seinen" Steuern alimentieren, aber er mag halt auch nicht, dass er nach der Zechenauflösung auf Hartz-IV landet. Auf der anderen Seite konnte die SPD stets nur dann mehrheitsfähig werden, wenn sie den Zeitgeist traf - und der ist definitiv nicht bei der SPD-Kernwählerschaft. Ich habe schon öfter gesagt, dass die Partei gerade in einem ständigen Lose-Lose gefangen ist. Was sie macht ist falsch, und die vielen einseitigen Lösungsvorschläge von rechts wie links helfen nicht sonderlich weiter, umso weniger, je mehr sie vom politischen Gegner kommen. Jan Fleischhauers wählen die SPD nicht, wenn sie (noch) ein bisschen mehr wie die CDU wird, und Albrecht Müllers wählen sie nicht, wenn sie ein bisschen mehr wie die LINKE wird.

3) Many ways to be a girl, but one way to be a boy
Girls have been told they can be anything they want to be, and it shows. They are seizing opportunities closed to previous generations — in science, math, sports and leadership. But they’re also getting another message: What they look like matters more than any of that. Boys seem to have been largely left out of the conversation about gender equality. Even as girls’ options have opened up, boys’ lives are still constricted by traditional gender norms: being strong, athletic and stoic. These are findings from a new nationally representative poll of 1,000 children and adolescents 10 to 19, along with other research on this age group, which is not surveyed often. They show gender attitudes of a generation on the verge of adulthood. In the survey, conducted by PerryUndem, a research and polling firm, a majority of girls said sexism was still a problem — yet in many ways, they felt empowered. Girls were slightly more likely than boys to say being a leader was a very important life goal, evidence of a significant shift in gender expectations. [...] The continuing study is of children 10 to 14 in poor urban areas in 15 countries, and gender norms were remarkably similar. “Whether you’re in Hanoi or Shanghai or Baltimore, you understand the script,” Mr. Blum said. “You get the messages of girl vulnerability and girl weakness and boy strength and boy independence.” [...] Boys said strength and toughness were the male character traits most valued by society. Three-quarters said they felt pressure to be physically strong, and a majority felt pressure to play sports. Asked what society expects boys to do when they feel angry, the largest shares said they were supposed to be aggressive or be quiet and suck it up. When they felt sad or scared, they felt pressure to hide those feelings or to be tough and strong instead. Girls were more able to express themselves by crying, screaming or talking about their feelings, respondents said. Half of boys said they’d heard men in their family make sexual jokes or comments about women; those boys were more likely to feel pressure to be tough and play along with sexism. An even bigger share, 82 percent, said they had heard someone criticize a boy for “acting like a girl.” (New York Times)
Dieser Artikel ist wieder ein gutes Beispiel für den Teil meiner Argumentation, der gerne ignoriert wird: das Patriarchat schadet auch Männern. Die einschränkende Konzeption von "Männlichkeit", deren übersteigerte Form ich als "toxische Männlichkeit" bezeichne, sorgt dafür, dass keine gesunden Möglichkeiten für Jungen/Männer existieren, mit ihrer eigenen Verwundbarkeit und emotionalen Umschwüngen umzugehen. Das stoische Ideal ist hier reichlich nutzlos. Das ist eben die Folge wenn man annimmt, Feminismus wäre nur für Frauen, quasi ein "Gedöns"-Thema ohne Bezug zur schmutzigen Wirklichkeit, in der "echte Männer" arbeiten.

4) Von der Rolle
Lag es daran, überlegten wir, dass die ganze Gendersache den Kindern nicht optimal vorgelebt wird, weil, nur um ein Beispiel zu nennen, der Kuchenverkauf beim Schulfest nach wie vor nur von Müttern organisiert wird? Weil, wenn ein Vater in der Schule mitsprechen will, er sich als erstes in den Elternbeirat wählen lässt und dieses ganze Kuchengedöns großzügig überspringt? Weil Lehrer allenfalls wegen eines Bore-out Stunden reduzieren, so gut wie nie aber um länger Elternzeit zu nehmen? Liegt es daran, dass wir in der Schule eine Putzfrau haben aber einen Hausmeister? Statistisch gesehen vermitteln an den Gymnasien überwiegend Frauen den Lehrstoff (ca. 58 Prozent beträgt ihr Anteil, Tendenz steigend), doch geleitet werden die Gymnasien zu etwa drei Vierteln von Männern. Ohne finale Antworten legten wir beide auf, ich stand bereits vor dem Kindergarten, um mein Kind abzuholen. Dass die Genderthematik noch wenig Einzug in das Schulleben gefunden hat, sieht man auch an meinen KollegInnen. Ich mag sie fast alle, aber viele unterschätzen, welche Wirkung es hat, wenn sie immer die Jungs die Tische für Gruppenarbeiten rücken lassen und die Mädchen fürs Tafelwischen loben, wenn sie Lektionen in Englischbüchern durchnehmen, in denen die Mädchen immer rosa tragen und die Jungs beim Fußballspielen abgebildet sind. Was man nun tun kann? Es fängt schon beim korrekten Wording an. Ich spreche jedenfalls immer Mädchen und Jungen an, etwa wenn es darum geht, die Atlanten zu tragen. Und ja, ich finde das Binnen-I oder Sternchen vielleicht auch nicht schön, aber kriegsentscheidend wichtig. Frau B. aus dem Lehrerzimmer hat den feministischen Widerstand ausgerufen, indem sie das bekloppte Englischbuch in ihren Stunden verweigert und mit einem anderen Buch arbeitet. Und Frau E. hat den Kampf in die Unterstufe verlegt: »We better start earlier!« war ihre Erkenntnis nach einer Stunde in der fünften Klasse über Rollenbilder, aus der sie deprimiert herausgekommen war. Seitdem versucht sie schon den Jüngsten mit Zeitungsartikeln und Instagram beizubringen, dass Sprache eben Folgen hat und eine Kosmetikbloggerin, die sich mit ihrer eigenen Linie ein Beauty-Imperium aufgebaut hat, nicht weniger feministisch ist als eine Managerin beim Dax-Konzern. (SZ)
Der hier im Artikel angesprochene Faktor fällt mir auch immer wieder auf. Dieses beiläufige Verstärken und Wiederholen von Klischees ist ein Dauerthema, das nur sehr schwierig zu umgehen ist. Ich hatte das erst diese Woche, als meine Klasse ein Regal für ihr Klassenzimmer holen sollte (Kallax von Ikea). Das Ding kommt in vier Paketen und wir haben einen Aufzug. Grundsätzlich hätte also jeder das Teil tragen können, aber natürlich stand ich dann mit acht Jungs unten, die sich in Zurschaustellungen überboten, wie wenig sie auf die Hilfe des jeweils anderen angewiesen sind, um die Dinger zu tragen. Das sind die gleichen, die eine Stunde zuvor sehr skeptisch gegenüber der Idee (die in einer Kurzgeschichte aufkam) waren, dass solche stereotype Aufgabenzuschreibungen in der Realität existieren...

5) The legislative costs of campaigning without an agenda
Last month, the New York Times reported that House Democrats do not plan to present a campaign agenda, and instead will encourage candidates to “tailor their own messages to their districts” with only a “bare-bones national agenda” to unite them. This is unusual for the party on the winning side of a “wave” election. This year, the Democrats have several major electoral advantages: the president’s party typically loses House seats during a midterm election, the president’s poll ratings are mired around 40 percent while House Democrats hold an 8-point lead in the generic ballot. [...] Reading between the lines, the House Democrats think they are better off with candidates choosing their own policy positions (even if they are inconsistent with each other), setting their own policy priorities, and riding a wave of (anticipated) anti-Trump turnout. “Better off” is compared to an alternative of spelling out which issues the Democrats would priorities and which policies they will propose. [...] By “localizing” their elections, the House Democratic candidates will choose their own positions on these issues, then the winners will come to DC to sort out their collective positions. This “bottom-up” approach is helpful in that it allows voters and to determine the Democrats’ agenda, but it also means the Democrats will have to invest a lot of effort into reconciling their differences if and when they become the majority party. The risk of this strategy is that Democratic leaders in the 116th Congress will find it easier to ignore major issues than to reconcile the disagreements within their party caucus. They may, for example, focus the House agenda on investigations and “message bills” that make political points without addressing larger issues. [...] By avoiding issues where there is disagreement within the caucus, the House Democrats could keep their intra-party fights behind closed doors so the media has no conflicts to report on and the Republicans have no divisions to exploit. This was the House Republicans’ strategy on health care and tax reform from 2010 to 2016, and it helped them win four elections. The experience of the House Republicans, however, clearly illustrate the costs of ignoring internal divisions by keeping them off the agenda. In the past, periods of divided government have often featured partisan battles over major legislation. In the short term, this looks like “gridlock,” with the two parties unable to compromise. (Vox)
Der Artikel wirft ein interessantes Problem auf. Dieser stark regional diversifizierte Wahlkampf erlaubt zwar den Gewinn von mehr Wahlkreisen als ein kohärenterer Lagerwahlkampf, weil viele Stimmen von Leuten, die einfach nur ihren Protest gegen die aktuelle Regierung registriert wissen wollen, gewonnen werden können. Diese Stimmen lassen sich mit einem klaren auf das Parteiprofil zugeschnittenen Wahlkampf nicht gewinnen und können in einigen Wahlkreisen, die sonst nicht kompetitiv wären, den Sieg bringen. Diese Kandidaten sind dann allerdings keine verlässlichen Stimmen. Man sieht das etwa an Joe Manchin in West Virginia, der öfter mal mit den Republicans stimmt. Eine solche Strategie hat aber auch in die andere Richtung einen Effekt, und zwar einen gegenteiligen. Denn Kandidaten in sicheren Wahlkreisen können dann eine wesentlich radikalere Position fahren, als sie anderweitig könnten. Auf diese Art und Weise bekommt man zwar eine breite Mehrheit im Kongress, aber es handelt sich um eine negative Mehrheit, das heißt die Abgeordneten sind sich zwar darin einig, was sie nicht wollen (in dem Fall Trump), aber keinesfalls in dem, was sie wollen. Wozu das führt, hat man in den letzten Jahren bei der GOP gesehen: Eine ungeheuer destruktive Politik, die zwar Normen einreißen und die Regierung blockieren kann, die aber nicht in der Lage ist, etwas Konstruktives beizutragen und legislativ saubere Erfolge zu verzeichnen.

6) Why America desperately needs a healthy conservatism
In fact, for conservatism, society is for no end and no purpose; it is valuable simply in itself, as the combination of traditions, landscapes, communities, and customs that define a nation, bind us together as citizens, and make us feel at home. And yes, that feeling of being at home is nebulous. It is in many ways sub-rational. Ask ordinary people to describe it and they will often not be articulate. Sometimes, it manifests itself as bigotry, yes. Most of the time, it is about loss, and mourning it, while understanding that change is inevitable. Burke famously saw society not as a contract between individuals, but as a contract between generations: to pass on to the future the good and viable things we inherited from the past. This emphatically does not mean resistance to all change. In fact, it understands some change as critical to conservation. And perhaps that’s where American conservatism began to go wrong. The goal is not to stand athwart history and cry “Stop!”, as William F. Buckley put it. It’s to be part of the stream of history and say: slow it down a bit, will you? [...] As a temperament, conservatives are prone to obey as passionately as liberals are prone to rebel. They prefer order to change, stability to upheaval, authority to anarchy. And so a conservative is likely to see, say, the flag as an object of veneration, the Constitution as something to be protected rather than altered, the nation as demanding a loyalty before all other claims, especially those of ideology, tribe, gender, or race. The conservative immediately saw why Fascism and Communism were evil; they were intent on obliterating settled ways of life, destroying the individual in favor of a collective, empowering the state so that it destroyed the civil society that made liberalism thrive. No conservative ever wants to purify anything. It’s the human mess that we love, with its intimations of how to improve it. (New Yorker)
Andrew Sullivan hat absolut Recht. Ein gesunder Konservatismus, so wie er ihn definiert, ist für das Funktionieren der Demokratie notwendig. Es liegt in der Natur der Sache, dass ich ihn lieber als oppositionelles Korrektiv denn an der Macht sehen würde, aber das ist für manche Leser des Blogs mit einer gesunden progressiven Linken sicher nicht anders. Beide Seiten brauchen die jeweils andere Sichtweise manchmal, und ohne den gelegentlichen demokratischen Machtwechsel zwischen den beiden Seiten funktioniert das Arrangement auf Dauer schlecht (wobei es manche Parteien schaffen, durch ausgeprägte und gut austarierte Flügel die Oppositionsrolle gleich mit zu übernehmen, siehe in der klassischen BRD die SPD in Nordrhein-Westfalen oder die CSU in Bayern).
Wir sehen an Sullivans Text aber auch die Gefahr, die in Deutschland von der AfD ausgeht. Deren reaktionäres Programm und aggressiv-reaktionärer Habitus sind genauso wenig konservativ wie die Republicans in den USA. Der AfD geht es nicht darum, Wandel zu moderieren. Ihr geht es darum, die Republik tief greifend zu verändern. Sie ist damit mindestens ebenso auf radikale Veränderung der Gesellschaft aus wie die Grünen oder die LINKE, nur eben in die andere Richtung. Zwar kleidet die Partei es ebenso wie die GOP in die Sprache des Bewahrens und Schützens, aber das ist ein (sehr erfolgreicher) PR-Trick. In Wahrheit geht es der Partei darum, die Republik in ihrem Sinne umzuformen. Dass ihr Utopia in einer Phantasie-Vergangenheit statt (wie auf der Linken) in einer imaginierten Zukunft liegt ändert an diesem Grundmechanismus nichts.


7) Fear Lindsey Graham
Woodward’s book details how Graham, who had called Trump a “jackass” and a “bigot” when the two were running for the GOP nomination, shockingly morphed into one of Trump’s most-called-upon outside advisers, particularly on national security and foreign policy. This account likely comes from Graham himself, who appears to have been a major source for the book. Fear includes verbatim accounts of several one-on-one conversations between the senator and the president that only Graham would be in a position to relate to Woodward, including a midnight phone call. In a recording of an August conversation between Woodward and Trump released last week, the author mentions having spoken with Graham. The book also describes Graham’s archrival in the White House, Steve Bannon, as being aware of their closeness: “Some days, it seemed to Bannon that Senator Graham had moved into the West Wing.” At one point Bannon is quoted as saying Trump “loves Graham. Graham can sell him anything.” But that doesn’t exactly seem to be the case, particularly on North Korea, perhaps the dominant national security issue of the Trump presidency so far. And it’s probably for the best that Trump didn’t take Graham’s advice. In a March 7 meeting, Graham told the president he had two options for dealing with Kim Jong-un: “You can accept they’ve got a missile and tell them and China that if you ever use it, that’s the end of North Korea …. That’s scenario one. Scenario two is that you tell China that we’re not going to let them get such a missile to hit our homeland. And if you don’t take care of it, I will.” Graham favored Scenario 2, telling Trump that if North Korea developed such a missile, Graham said, “you’ve got to whack them.” The idea of a pre-emptive strike on North Korea was a little much even for Graham’s friend John McCain, who was never exactly shy about using military force, but in a later meeting with Graham and the president, warned Trump that such a strike would be “very complicated” since the North Koreans “can kill a million people in Seoul with conventional artillery. That’s what makes it so hard.” Graham replied to that objection saying, “If a million people are going to die, they’re going to die over there, not here,” a remark that even Trump called “pretty cold.” (Graham used versions of this line on the Sunday shows last year, sometimes attributing it to Trump himself.) (Slate)
Wenn man sich die Werte anschaut, die der Präsidentschaftskandidat Lindsey Graham erreicht hat, gewinnt man etwas Vertrauen in den amerikanischen Wähler zurück. Graham ist ein gigantischer Idiot, und es spricht wahrlich nicht für John McCain, dass es über Jahrzehnte sein Busenfreund war. Graham ist geradezu die Karikatur eines Falken im Kongress. Wann immer man eine Karikatur malen wöllte, in der ein Amerikaner den Einsatz militärischer Gewalt befürwortet obwohl es offensichtlich ins Desaster führt, könnte man genauso Graham hernehmen. Die Formulierung vom "pretty cold" gegenüber Grahams Attitüde ist dabei noch milde. Der Mann ist ein Spinner, und ein gefährlicher Spinner noch dazu. Bisher hatte noch jede US-Regierung den Verstand, ihn weit genug weg von tatsächlicher außenpolitischer Verantwortung zu halten, aber das ist natürlich eine weitere Hürde, die zu reißen Trump nur zu bereit ist. Hinterbänkler wie Graham können sehr schnell sehr gefährlich werden, wenn sie von mächtiger Stelle dazu befähigt werden. Man sollte einen Blick auf diesem speziellen Exemplar behalten.

8) Freischwimmer in der braunen Brühe
[Stefan Austs] Text will ein Plädoyer sein für Vernunft und für Ernsthaftigkeit; er hält sich offenbar für eine unsentimentale Auseinandersetzung mit den Problemen Deutschlands im Jahr 2018 und ihren Ursachen, ehrlich und schonungslos (den anderen gegenüber). Aber schon die Überschrift verrät das behauptete hehre Anliegen für eine billige Pointe mit ollem Merkel-Spottwort: „Mutti aller Probleme“. Dass Merkel und ihre Flüchtlingspolitik an allem Schuld sind, ist die eine These des Textes. Die zweite lautet: Alle sind verrückt geworden. Aust hat dafür im Schrank abgegrabbelter Metaphern eine vom Anfang des Jahrtausends gefunden und schreibt: „Es drängt sich der Verdacht auf, als sei in diesem Lande der kollektive, parteiübergreifende, galoppierende Rinderwahn ausgebrochen.“ Das ist tatsächlich der letzte Satz und das Fazit seiner mehr als 20.000 Zeichen langen, nun ja, Analyse dessen, was in Deutschland alles falsch läuft. Ach was, Deutschland? „Absurdistan“! Das ist ein Sound, der bei den Wutbürgern ankommt, egal wie muffig und hohl die Begriffe sind. In einem Leserbrief wird ein Leser zwei Tage später in der „Welt“ die Formulierung vom galoppierenden Rinderwahn aufnehmen und schreiben, dessen Ausbruch sei ja „leider kein Verdacht mehr“. Es ist schwer, die Perfidie all der Zeilen davor angemessen zu würdigen, die verantwortungslose Lust, mit der alle Ressentiments und Verschwörungstheorien der Rechten bedient werden. Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet das berühmte Foto von der Kanzlerin, die ein Selfie mit einem Flüchtling macht, den Artikel illustriert. Es mag inflationär gezeigt worden und so abgenutzt sein wie die Sprachbilder des Stefan Aust, aber es verkörpert all das, worauf sich der Hass auf Merkel projiziert. Die „Welt“ reproduziert diesen Hass, vor allem in Kombination mit der Zeile „Mutti aller Probleme“. Der ganze Artikel wirkt in seiner Aufmachung wie ein rechtes Mem; eine Social-Media-Kachel von oder für Pegida. Viele Versatzstücke aus der seit drei Jahren geführten Diskussion finden sich wieder in Austs Text, der in einem erstaunlichen Maß daraus besteht, alte Artikel von sich zu zitieren, um zu beweisen, dass er es immer schon gewusst hat, dass aus dem „Traum von den endlich mal guten Deutschen“ ein „Albtraum“ werden würde. Aust wiederholt nicht nur sich selbst, sondern auch bekannte Irrtümer und Verzerrungen. (Übermedien)
Wenn ich von der Selbstradikalisierung der Konservativen rede, ist Aust ein gutes Beispiel. Der Mann war mal Spiegel-Chefredakteur, aber heute ist er darauf zurückgeworfen, vom Spielfeldrand zu giften. Von dort zu Tichys Einblick ist es kein weiter Weg mehr. Diese Selbstradikalisierung kann man auch immer gut an der Sprache beobachten. Abwertende, ins Beleidigende übergehende Charakterisierungen des politischen Gegners sind im deutschen Journalismus immer noch eine Seltenheit; im Allgemeinen wird ein höflicher Umgangston gepflegt. Auch die beiläufige Delegetimierung des demokratischen Systems, die diesen Leuten zu eigen ist - alle irre und/oder gekauft - gehört in diesen Problemkomplex.

9) Is Newcaster hair going extinct?
It’s the omnipresent anchor bob. And it’s no coincidence. The longstanding homogeneity of on-air hair, from Topeka, Kansas to Trenton, New Jersey — reporters and industry veterans say — is by design. Hair isn’t the only way in which women are held to high aesthetic standards on TV, but it’s one of the most shapeable — and ubiquitous — elements of the newscaster uniform. So what are the so-called rules of on-air hair? Anchors, reporters, and industry experts interviewed for this piece laid them out: Wear your hair down, in a smooth style that hits at the collarbone or above. Updos and complicated styles are a no, as are drastic color changes. Youthful appearance is key (better dye those grays away!). A bit of wave is okay (and increasingly popular at some stations), but ringlets and kinky curls are not. [...] But dismissing certain styles as “distracting” can also amount to discrimination, especially when it comes to women of color in the industry. “You’ll do better with straight hair,” says Brittany Noble Jones, a digital and broadcast journalist who is black and who relaxed her natural hair for years. For many like her, the expectation isn't just that you'll conform to a certain anchor bob — it includes replacing your hair's natural texture with something else. [...] Noble Jones spent years straightening her natural hair with chemical relaxers and, later, wearing weaves, while working at stations in Tennessee, Michigan, and Missouri. The treatments would set her back hundreds of dollars, no small cost given the pay local reporters often make (in 2017, the average starting salary for a local TV journalist was $29,500). “It’s very, very expensive.” Noble Jones says. “In TV news, sometimes you have to choose between getting your hair done and getting makeup, and eating — because you have to have this look on TV.” (InStyle)
Der Genderwahnsinn betrifft echt Ecken, an die man normalerweise nie denken würde. Die überzogenen Gender-Erwartungen der Mehrheitsgesellschaft zwingen alle auf Kurs und reproduzieren sich auf diese Weise selbst. Dabei ist es so einfach, diesen Kreislauf zu durchbrechen. Es ist ja nicht gerade so, als ob alle mit Herz und Seele an diesen Konventionen hängen würden. Stattdessen werden solche Konventionen wie das glatte (gerne blonde) Haar von Nachrichtensprecherinnen aus Gewohnheit erzwungen und aus der Furcht heraus nicht gebrochen, dass die Zuschauer es ablehnen könnten - ohne dass überhaupt klar ist, dass dies der Fall ist. Dieses vorauseilende Anpassen an angenommene gesellschaftliche Gender-Erwartungen ist ein Problem. Es wird von denen, die nicht betroffen sind, auch gar nicht als Anpassungszwang wahrgenommen. Ausgeübt wird er aber trotzdem. Die gleichen Leute verwahren sich dann immer empört dagegen wenn man ihnen sagt, dass sie doch bitte ihre eigenen Gender-Konzepte überdenken sollen, weil sie ihren eigenen Standard absolut setzen. Sieht man ja auch hier ständig.

10) Elitenkritik von rechts
Doch wer gehört im reaktionären Diskurs nun zu dieser „wahren“ Elite? Die Antwort ist simpel (alle weißen, heterosexuellen, nichtliberalen, nichtlinken Deutschen, Amerikaner, Briten, Franzosen usw.), ihre Herleitung komplizierter. Weil Rechtspopulisten heutzutage nicht mehr offen biologisch-rassistisch argumentieren, wenn sie politisch relevant bleiben wollen, wählen sie einen Umweg: Zunächst definiert sich das rechtspopulistische Führungspersonal – und teilweise auch deren Anhängerschar – aus der tatsächlichen Elite heraus und positioniert sich dieser gegenüber als „Superelite“. Das führt dann zu jener Mischung aus Opferstatus und Überlegenheit, die für Rechtspopulisten charakteristisch ist. Dieser Move wird danach mit einem Widerstandsgestus kombiniert, indem all jene, die im reaktionären Diskurs den Verlust der vermeintlich harmonischen Vergangenheit buchstäblich verkörpern – Nichtweiße, Muslime, Ausländer, Homosexuelle –, in die tatsächliche Elite hineindefiniert werden. Dass deutsche Chefetagen, Ministerien und Zeitungsredaktionen immer noch weitestgehend weiß und männlich sind, macht die rechtspopulistische Rede von Gender-, Homo- oder Multikulti-Lobby kontrafaktisch, aber nicht wirkungslos. Ideologisch funktioniert die reaktionäre Elitenkritik wie eine eierlegende Wollmilchsau: In einer paradoxen Selbstbeschreibung als überlegenes Opfer denkt man sich in einen aggressiven Protestmodus, während benachteiligte Minderheiten in die Rolle der zu bekämpfenden Herrschenden fantasiert werden. Der entscheidende Vorteil dieser Selbstinszenierung: Im Unterschied zu linken Eliten können rechte Eliten die eigene Privilegiertheit offen zur Schau stellen. Müssen linke Elitenkritiker gemäß ihrem Gerechtigkeitsideal einer der vielen werden, können rechte Elitenkritiker mit dem Versprechen punkten, dass ihren Anhängern durch den Ausschluss von vermeintlichen Schmarotzern (Flüchtlingen etc.) bald ein Stück von jenem Reichtum zukommt, den die Trumps dieser Welt bereits genießen. Diese rechte Verheißung verfängt heute immer mehr. „Die Reaktionäre unserer Zeit haben entdeckt“, schreibt Mark Lilla, „dass Nostalgie eine machtvolle politische Motivation ist, vielleicht noch stärker als die Hoffnung. Hoffnungen können enttäuscht werden, Nostalgie aber ist unwiderlegbar.“ Gerade deshalb kann sich die Linke nicht einfach mit leeren Beschwörungen der Zukunft begnügen. Auch sie muss womöglich zunächst einmal in die Vergangenheit tauchen, um all jene Traditionsbestände ans Licht zu holen, die sie in den vergangenen Jahrzehnten immer weiter abgelegt hat. Dieses alte Werteinventar hat sogar einen Namen. Es heißt Sozialdemokratie. (Tagesspiegel)
Die rechte Elitenkritik ist tatsächlich ein merkwürdiges Pflänzchen. Ich möchte den Fokus gerne zuerst auf den Zusammenhang legen, dass Verschwörungstheorien durch diese Art der Elitenkritik gedeihen. Das liegt daran, dass sie ein ungeheuer anti-intellektuelles Umfeld schafft. Die Kritik an "den Eliten" sorgt etwa dafür, dass öffentliche Intellektuelle - die in den seltensten Fällen dem rechten Spektrum zuneigen - abgelehnt werden, aber auch Akademiker aller Art sowie Experten. Auf diesem Boden, der wissenschaftlichen Konsens ignoriert und fundierte Ausbildung gering achtet, gedeihen dann alle möglichen alternativen Erklärungsansätze. Auf der anderen Seite sorgt sie dafür, dass die Partei, die eine solche Elitenkritik pflegt, ungeheuer mies darin ist, solide policies zu machen. Das liegt in der Natur der Sache. Solide policy erfordert Sachverstand, und den scheucht solcherlei Elitenkritik halt davon. Man kann das ja gut an den Republicans sehen, wo aktuell Leute in Spitzenpositionen rutschen und halbgaren Mist umzusetzen versuchen, die ansonsten für den Sachbearbeiterposten nicht genommen würden. Das gleiche Problem hätte die AfD, wenn sie in Machtpositionen gelangen würde, was hoffentlich nicht geschehen wird....

11) Beharrungsvermögen ist kein Vermögen
Das zugegeben abgedroschenste (circa 250 Kolumnen allein von mir), aber auch leidigste Thema der Ära Merkel: die katastrophale digitale Infrastruktur Deutschlands. Was Glasfaserverkabelung bis in die Gebäude angeht, hat Deutschland 2017 bereits fast ein Zwölftel der Glasfaservernetzung von Bulgarien (28 Prozent) erreicht und mit sagenhaften 2,3 Prozent der Haushalte zu Angola aufgeschlossen. Wirklich wahr. Nichts gegen Angola, aber das Land hatte zuletzt rund ein Zehntel des Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukts von Deutschland und befand sich bis 2002 in einem 27 Jahre währenden Bürgerkrieg. In Angola haben nur 40 Prozent der Bevölkerung Zugang zu sauberem Trinkwasser, aber in Sachen Glasfaser liegt man gleichauf mit Deutschland. Unter Merkel versprachen Regierungsmitglieder 2008, 2009, 2010, 2011, 2012, 2013, 2014, 2015, 2016 und 2017 jeweils die "Lösung des Problems fehlender Breitbandanschlüsse", einen "Rechtsanspruch auf schnelles Internet" oder das "schnellste Netz der Welt". Das Versprechen, Angola zu überholen, wäre realistischer gewesen, aber selbst das hat man ja nicht geschafft. Und Besserung ist nicht in Sicht. 2018 forderte Merkel, Deutschland müsste Weltspitze in der nächsten Mobilfunktechnologie 5G werden. Faktisch hat die Netzagentur soeben bestätigt, dass die Versteigerung der 5G-Lizenzen - sofern sie denn wie vorgesehen stattfindet - ausdrücklich nicht an die Bedingung "lückenlose Versorgung" geknüpft werden soll. [...] Aber gerade in der Schlüsselindustrie des Landes war das größte deutsche Vermögen das Beharrungsvermögen - wider besseres Wissen. Die Bundesregierung und ihre Behörden haben den Automobilkonzernen ihre Software-Betrügereien durchgehen lassen, in einem Ausmaß, das als politische Mauschelei verstanden werden muss. Das passt ins Bild der verzögerten Zukunftsfähigkeit, denn damit wurde das Leben des zuvor erfolgreichen Dieselmotors künstlich verlängert, um nicht auf die nächste, voraussichtlich extrem digitale Stufe der Elektromobilität steigen zu müssen. Ja, der Dieselmotor ist vielleicht das beste Symbol für Angela Merkel: Anfangs unterschätzt, irgendwie langweilig und gerade deshalb effizient - aber irgendwann nicht mehr zukunftsfähig, schmutziger als gedacht und nur noch mit dreisten Manövern zu halten. (SpiegelOnline)
Es mag sein, dass Sascha Lobo beständig über dieses Thema schreibt, aber das macht es ja nicht irrelevant oder falsch. Die völlige Unterinvestition Deutschlands in digitale Infrastruktur ist eine geradezu kriminelle Vernachlässigung. Es ist Verrat an unserer Zukunft. Ohne schnelles und stabiles Internet wird in Zukunft gar nichts gehen, weder in unserem Alltag noch in Unternehmen und Beruf. Wir haben eine Politik die es schafft, Abermilliarden in nutzlose Prunkbahnhöfe oder die Förderung des Diesels zu investieren, aber nicht in Breitbandausbau. Es ist zum Heulen. Gleichzeitig wird über Sinn und Unsinn von öffentlichen WLANs diskutiert, was ungefähr so sinnvoll wie eine ergebnisoffene Diskussion über den Wert von fließend Wasser zu führen. Die deutsche Politik und die Gesellschaft allgemein gönnen sich seit Jahren den Luxus, das Thema zu diskutieren als stünden wir im Jahr 1995 und es bliebe fraglich, inwieweit sich dieses Internet durchsetzen wird. Es ist ein Graus.

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